Konfirmationen, Mai 2026


Apostelgeschichte 16

Paulus und sein Mitarbeiter Silas wurden in Philippi festgenommen, geschlagen und ins Gefängnis geworfen;

denn man warf ihnen vor, Empörung und Tumult in der Stadt ausgelöst zu haben.

Der Aufseher wurde angewiesen, die beiden gut zu bewachen.

Auf diesen Befehl hin sperrte er sie in das innerste Verlies und legte ihre Füße in den Block.

 

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder, und die anderen Gefangenen hörten ihnen zu.

Plötzlich ereignete sich ein starkes Erdbeben. Die Gefängnismauern wankten,

die Türen sprangen auf, und von allen fielen die Fesseln ab.

Als der Aufseher erwachte und alle Türen offen sah, zog er sein Schwert

und wollte sich töten; denn er dachte, die Gefangenen wären geflohen.

Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da!

 

Der Aufseher verlangte ein Licht, eilte in die Zelle und fiel Paulus

und Silas zitternd zu Füßen. Er führte sie hinaus und fragte:

Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?

Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden - du und alle, die zu dir gehören!

Und noch in dieser Nacht machten Paulus und Silas

ihn und seine Angehörigen mit Gottes Botschaft bekannt.

 

Der Aufseher reinigte ihre Wunden.

Dann ließ sich mit seiner Familie und seinen Bediensteten taufen, brachte sie in sein Haus und lud sie zu Tisch.

Und alle im Haus freuten sich, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatten.


Die Missionare Paulus und Silas sitzen in einer ausbruchssicheren Gefängniszelle - und singen.

Nicht in Untermaßfeld - und auch dort zu sitzen, ist nicht gerade schön -, sondern in einem wohl tatsächlich ziemlich finsteren Kerker, so ähnlich wie in alten Burgen. Dunkel, feucht, überfüllt, verdreckt. Eines der Gefängnisse, Lager und Verliese, in denen man auch heute noch an Folter, Schikanen, Zwangsarbeit oder buchstäblich tödlicher Langeweile zugrunde gehen kann.

 

In so einem Loch wahrscheinlich sitzen Paulus und Silas - und das auch noch fixiert, denn ihre Füße sind „in den Block gelegt“.

Kaum Bewegungsmöglichkeiten also. Und in dieser Lage singen sie Hymnen und Choräle, und die anderen Häftlinge, wahrscheinlich Mörder, Vergewaltiger, entlaufene Sklaven, Steuerhinterzieher, politische Gefangene, bunt gemischt, viele Mann in einem Trakt, vielleicht sogar in einer Zelle, hören ihnen zu.


Im Lager Buchenwald vor bald 90 Jahren Jahren hörten die Gefangenen dem Pfarrer Paul Schneider zu, wenn er aus seiner Zelle heraus sang, betete und predigte, bis die Aufseher ihn für immer zum Schweigen brachten.

Und auch die 21 ägyptischen Christen – einfache Wanderarbeiter! – die vor einigen Jahren in Libyen von Islamisten vor laufender Kamera umgebracht wurden, sollen in ihrem Verlies bis zuletzt miteinander gesungen und gebetet haben.

 

Eine ganze Menge Wunderbares passiert in dieser Geschichte: Das Erdbeben, klar, das die Türen und Schlösser aus den Angeln hebt. Ist es Zufall? Oder Gottes Wille? Oder beides zugleich? Irgendwie ein Wunder - was soll man sagen? Doch vielleicht berühren ja die anderen Wunder noch mehr. Der Nachtgesang der Apostel und das Zuhören der Mitgefangenen. Klar, denen bleibt auch kaum was anderes übrig - sie hätten höchstens „Ruhe, verdammt noch mal!“ schreien können - haben sie aber nicht gemacht.

Was kann ihnen der Gesang gegeben haben? Etwas Abwechslung? Ein Motiv zum Wegträumen? Oder gar Trost und neuen Mut?

Was könnte er uns geben, in unserer momentanen Situation? Wir alle hier sind augenscheinlich auf freiem Fuß …

Man kann aber auch unter seelischen Fesseln leiden, wenn auch anders als im Gefängnis: Krankheiten, Familienprobleme, Geldsorgen, Schul- und Arbeitsstreß, die beklemmende, bedrückende Lage im eigenen Land und in der Welt - was auch immer.

Können wir dann dennoch singen - oder wenigstens zuhören?

Welche Freiheit nehmen sich Paulus und Silas, daß sie in ihrem Kerker Lieder singen?

 

Und dann springen die Türen auf - und sie bleiben sitzen. Welche Freiheit nehmen sie sich, einfach dazubleiben,

wo ein normaler Gefangener doch jede Chance nutzen sollte, um die Flucht von Alcatraz oder Devil‘s Island zu wagen?

 

Und die anderen bleiben anscheinend auch! Wir sind alle hier! Beinahe schon wie Spielverderber!

Warum tun sie nicht, was jeder Gefangener normalerweise tut bei so einer Gelegenheit, jedenfalls im Film?

Sind sie vor Schrecken starr gewesen? Oder wollten sie die singenden Missionare nicht allein zurücklassen?

 

Aber das wohl größte Wunder vollzieht sich am Aufseher. Von Berufs wegen durfte er keine Milde walten lassen, weil er dann selbst übel dran gewesen wäre - er wollte sich umbringen, als er dachte, seine Gefangenen wären geflohen …

Dieser Aufseher bittet Paulus um Hilfe! Was muß ich tun, um gerettet zu werden? Vor der höllischen Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit im Leben, in der Welt und darüber hinaus? Und Paulus bleibt da, um ihm beizustehen.

Welche Freiheit nimmt er sich, daß er sich von seinem Peiniger einladen lassen und ihm die gute Botschaft bringen kann?

 

So wie vor über 40 Jahren der von einem Attentat noch sehr geschwächte Papst Johannes Paul sich die Freiheit nahm, seinen Beinahe-Mörder Ali Agca im Gefängnis zu besuchen? Das mag ein geradezu übermenschliches Beispiel sein - aber kommt darin nicht am stärksten diese christliche Freiheit - nicht Zügellosigkeit! - zu Ausdruck, von der auch Martin Luther gesprochen hat - nicht bei der ersten Gelegenheit abzuhauen oder sich wovon oder vor wem auch immer "zu distanzieren", sondern erstmal zu bleiben und auch anderen dabei zu helfen, ihre leibliche und/oder seelische Freiheit zu erringen?

 

Paulus erzählt dem Aufseher von Jesus, und dann tauft er ihn. Das ist die Rettung.

Der Beamte hat als letzten Halt nun nicht mehr den Staat, die Verwaltung, die Polizei - alles Institutionen, die sehr nötig, aber nicht für die Ewigkeit gemacht sind: Nein, sein absoluter Halt im Leben und im Sterben ist für ihn nun der Herr der Ewigkeit.

Darauf lässt er sich mit der Taufe ein. Was für ein Wunder: Ein Mensch ist nicht mehr auf Gedeih und Verderb den Mächten und Verhältnissen dieser Welt - ob gut oder schlecht, effizient oder lahm, auf jeden Fall vergänglich - ausgeliefert, sondern er ist nun auf dem Weg zu Gott. Und seine Taufe ist der Beginn dieses Weges.

 

Liebe Konfirmanden, es heißt, der Aufseher und seine Angehörigen wurden getauft, also vielleicht auch kleine Kinder, das wissen wir nicht genau. Ihr jedenfalls seid damals getauft wurden, weil eure Eltern euch Gottes Fürsorge anvertrauen wollten.

Auch eure Taufe ist der Beginn eines Weges gewesen.

Eure Eltern und Paten haben am Taufstein versprochen, euch den christlichen Glauben, in den ihr hineingetauft wurden, nahezubringen und euch dabei zu helfen, ihn später selbst einmal in euer Dasein hineinzunehmen.

Heute werdet ihr konfirmiert, d.h. bestärkt in diesem Glauben. Denn ihr seid nun reif genug, diesen Weg selbst weiterzugehen, nicht allein, aber selbstständig. Mit anderen Worten: Mit der Konfirmation sagt ihr selbst „Ja“ zu eurer Taufe.

 

Das mag jetzt nach einem sehr hohen Anspruch klingen - „Ja“ zur Taufe sagen, den Weg des Glaubens selbstständig gehen ...

Dieser festliche Tag ist auch nicht ohne Grund so festlich, so bedeutsam. Denn ihr legt vor Gott, vor der Gemeinde und nicht zuletzt vor euch selbst ein Glaubensbekenntnis ab. Und das ist nun mal bedeutsam.

 

Aber vor allem bleibt es eure Sache, und es ist euer Weg.

Mir ist klar, daß viele Gründe bei der Entscheidung zur Konfirmation mitspielen, innere und äußere Gründe, Bewußtes, Halbbewußtes und Unbewußtes, sicher auch gewisse Bindungen und Loyalitäten - ich selbst wurde ja auch mal konfirmiert.

Aber wie auch immer - ihr werdet in Glaubens- und Gewissensfragen auf eigene Füße gestellt. Ihr seid darin selbstständig, und niemand kann und soll euch bei eurem Weg etwas vorschreiben. Beistehen, beraten und mitgehen, das ja - aber nicht hineinreden, nicht zwingen, nicht „in den Block legen“.

 

Die Sache zwischen Gott und Mensch ist sehr persönlich, und wir glauben als Christen, daß Gott ein Gott der Freiheit ist -

eben dieser Freiheit, die Paulus und Silas dazu brachte, im Gefängnis zu singen und dem Aufseher den Weg des Heils zu zeigen.

Ihr müsst die Stärke eurer christlichen Freiheit hoffentlich niemals in solchen Situationen erproben.

Aber sie ist euch jedenfalls geschenkt worden, und ihr könnt sie entdecken und in ihr wachsen, wenn ihr wollt -

für euch allein und zusammen mit anderen Christen, mit der Gemeinde.

Daß ihr den Weg mit Gott und Jesus und dem Heiligen Geist in recht verstandener Freiheit gehen könnt -

dafür beten wir heute, und dazu segnen wir euch heute.

Gott segne euren Weg und euer Leben. Amen